Tag der Seltenen Erkrankungen 2026: Warum Kohortenforschung Hoffnung schafft

Der Internationale Tag der Seltenen Erkrankungen am 28. Februar soll auf Menschen aufmerksam machen, die mit seltenen Diagnosen leben. Im Mittelpunkt stehen hier die besonderen Herausforderungen in der Forschung und in der Versorgung der Betroffenen. Gerade weil die Fallzahlen bei seltenen Erkrankungen so gering sind, ist es notwendig, systematisch strukturierte, internationale Kohorten aufzubauen und auszuwerten. Nur so lassen sich Krankheitsverläufe verstehen, gemeinsame Muster erkennen, Unterschiede zwischen Patientinnen und Patienten beschreiben und langfristig evidenzbasierte Diagnose- und Therapiestrategien entwickeln.

Ein aktuelles Beispiel dafür liefert eine europäische multizentrische Kohortenstudie zum COPA-Syndrom, an der auch die BREATH-Forschenden PD Dr. Nicolaus Schwerk und PD Dr. Martin Wetzke beteiligt waren.

Das COPA-Syndrom: selten, komplex und klinisch herausfordernd

Das COPA-Syndrom ist eine extrem seltene, genetisch bedingte autoinflammatorische Erkrankung, die sich in unterschiedlichem Ausmaß in verschiedenen Organsystemen manifestieren kann, darunter Lunge, Haut, Gelenke, Gastrointestinaltrakt, Nieren, Leber und Herz. Bei nahezu allen Patient:innen lassen sich unterschiedliche Autoantikörper nachweisen. Am häufigsten ist die Lunge betroffen. Viele Betroffene entwickeln bereits im frühen Kindesalter eine schwere, progrediente diffuse parenchymatöse Lungenerkrankung. Die klinische Präsentation, der Krankheitsverlauf und die Ausprägung der Erkrankung variieren zum Teil erheblich, was die Diagnosestellung erschwert und eine enge interdisziplinäre Betreuung erforderlich macht.

Die nun veröffentlichte Arbeit analysiert die bislang größte europäische Kohorte von 38 Patientinnen und Patienten mit genetisch gesichertem COPA-Syndrom. „Wir sehen bei nahezu allen Betroffenen eine Lungenbeteiligung, häufig bereits als erstes Krankheitszeichen“, erklärt PD Dr. Nicolaus Schwerk, der als Oberarzt der Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie an der MHH täglich Kinder mit interstitiellen Lungenerkrankungen in seiner Ambulanz betreut. „Das unterstreicht, wie wichtig es ist, bei unklaren interstitiellen Lungenerkrankungen früh auch an seltene genetische Ursachen wie das COPA-Syndrom zu denken.“ Darüber hinaus beschreibt die Studie das breite Spektrum weiterer Organmanifestationen und bestätigt die zentrale Rolle einer fehlregulierten STING-Signalgebung mit chronischer Typ-I-Interferonaktivierung als treibenden Krankheitsmechanismus.

Auch therapeutisch macht die Kohortenanalyse deutlich, wie anspruchsvoll das Management bleibt. Viele Patientinnen und Patienten benötigen mehrere immunmodulatorische Therapien. JAK-Inhibitoren können bei einem Teil der Betroffenen die Krankheitsaktivität stabilisieren, führen jedoch häufig nicht zu einer echten Verbesserung der Lungenbeteiligung.

Unterstrichen wird die Bedeutung der Ergebnisse durch ein begleitendes Review in Nature Reviews Rheumatology. Darin wird die europäische Kohorte als wichtiger Meilenstein für das klinische Verständnis des COPA-Syndroms eingeordnet und zugleich ihre Relevanz für andere STING-assoziierte interstitielle Lungenerkrankungen im Kontext systemischer Autoimmunerkrankungen hervorgehoben.

Seltene Erkrankungen im Fokus behalten

Für die Forschenden von BREATH und des gesamten Deutschen Zentrums für Lungenforschung ist es ein zentrales Anliegen, auch Menschen mit sehr seltenen Erkrankungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade im universitären Umfeld, in dem klinische Versorgung und Forschung eng verzahnt sind, besteht die Verantwortung, auch für kleine Patientengruppen belastbare Daten und Perspektiven zu schaffen.

„Für Betroffene von seltenen Erkrankungen ist der Diagnoseweg oft lang und aufwendig. Viele Familien erleben Jahre der Unsicherheit, bevor sie eine klare Einordnung erhalten“, sagt Nicolaus Schwerk. „Umso wichtiger ist es, dass wir diese Erkrankungen konsequent wissenschaftlich begleiten und systematisch erfassen. Nur so können wir dazu beitragen, Diagnosen früher zu stellen und Therapien gezielter einzusetzen.“

Der Tag der Seltenen Erkrankungen ist für die Forschenden bei BREATH daher nicht nur ein symbolischer Anlass. Er ist ein Auftrag, Aufmerksamkeit zu schaffen und das Bewusstsein für diese oft übersehenen Krankheitsbilder zu stärken. Auch die ganz seltenen Erkrankungen verdienen wissenschaftliche Präzision, klinische Expertise und eine engagierte interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Originalpublikation:

David C, Nathan N, Al-Abadi E, Arkwright PD, Bader-Meunier B, Becker S, Belot A, Brennan M, Breton S, Bondet V, Cadranel J, Coulomb l'Hermine A, De Almeida S, Duffy D, Poch TC, de Becdelièvre A, El Khalifi-Boulisfane S, Gattorno M, Gispert-Saüch M, Gothe F, Hatchuel Y, Herdliczko D, Kilinc AA, Koucky V, Labouret G, Manna R, Maillard H, Matoses Ruipérez ML, Matucci-Cerinic C, Mensa-Vilaro A, Michel K, Molina TJ, Lopez Montesinos B, Newman WG, Papenkort J, Rapp C, Rames C, Rice GI, Rose MA, Reumaux H, Sailler L, Schwerk N, Seabra L, Sellam J, Taddio A, Thumerelle C, Tommasini A, Tusseau M, Volpi S, Wetzke M, Weiss L, Welfringer-Morin A, Wislez M, Griese M, Crow YJ, Frémond ML. Insights from a novel monogenic autoinflammatory disease: overview of a multicentric European cohort of 38 patients with COPA syndrome. Ann Rheum Dis. 2025 Oct 25:S0003-4967(25)04425-5. doi: 10.1016/j.ard.2025.09.013. Epub ahead of print. PMID: 41395910; PMCID: PMC7618534.

 

Text: BREATH/AB

Foto: Nicolaus Schwerk: MHH/Figiel ; RareDiseaseDay©: https://www.rarediseaseday.org/

 

 

PD Dr. Nicolaus Schwerk ist Oberarzt der Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie an der MHH und forscht bei BREATH u.a. zu interstitiellen Lungenerkrankungen im Kindesalter

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